
Geschichte unter ihren Füßen: Olivias Reise mit den Freiburger Stolpersteinen
Als Olivia zum ersten Mal am UWC Robert Bosch College (RBC) ankam, kannte sie die Freiburger Stolpersteine bereits gut.
Als Kind besuchte sie die Stadt oft mit ihrer Mutter, die in Freiburg aufgewachsen war. Wenn sie durch die Straßen ging, wies ihre Mutter sie auf die kleinen Messingtafeln hin, die in den Bürgersteig eingelassen waren. Jede einzelne trug den Namen einer Person, die einst dort lebte, bevor sie vom Nazi-Regime verfolgt und ermordet wurde.
„Wenn man sie einmal gesehen hat“, sagt Olivia, „kann man sie nicht mehr vergessen.“
Als sie also entdeckte, dass das RBC mit der Freiburger Initiative Stolpersteine im Rahmen des Service Learning Projekts Gestern? Heute! Erinnerung an die Nazi-Verfolgung in Freiburg wollte sie sofort mitmachen. In ihrem ersten Jahr bewarb sie sich, bekam aber keinen Platz. Dieses Jahr hat sie es endlich geschafft.
Jetzt, da sie sich auf ihren Abschluss vorbereitet, beschreibt Olivia das Projekt als eine der bedeutendsten Erfahrungen ihrer Zeit an der UWC.
Ein Beitrag zur Erinnerungskultur in Freiburg
Das Service-Learning-Projekt ist Teil einer Zusammenarbeit zwischen dem College, der von Marlis Meckel gegründeten lokalen Initiative Stolpersteine und dem NS-Dokumentationszentrum Freiburg. Gemeinsam tragen die Schüler:innen dazu bei, dass die Geschichten hinter den mehr als 500 Freiburger Stolpersteinen für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.
Ihre Arbeit ist sowohl praktisch als auch zutiefst persönlich: Die Schüler:innen reinigen die Steine in der ganzen Stadt, recherchieren die Biografien der Opfer, übersetzen Texte und pflegen die Website der Stolpersteine, auf der Besucher:innen mehr über die Personen hinter jeder Messingtafel erfahren können.
Was anfangs wie Verwaltungsarbeit aussah, wurde für Olivia schnell sehr bewegend.
„Man fängt damit an, einen Namen zu recherchieren und zu versuchen, alles, was über diese Person bekannt ist, zusammenzufügen“, erklärt sie. „Dann, eine Woche später, steht man vielleicht vor ihrem ehemaligen Haus und putzt ihren Stein. Plötzlich hat man das Gefühl, sie zu kennen.“
Geschichte zum Anfassen
Für Olivia wurde der physische Akt des Polierens der Steine zu einer kraftvollen Form des Gedenkens.
„Es fühlte sich symbolisch an“, sagt sie. „Auch wenn es wie ein kleiner Akt aussieht, fühlte sich das Bücken und Schrubben des Steins wie ein persönlicher Dienst für jede Person an.“
Diese greifbare Verbindung zwischen historischer Forschung und den Straßen von Freiburg ließ die Vergangenheit unmittelbar und real erscheinen.
Als sie in den Vereinigten Staaten aufwuchs, sagte Olivia, dass sie diese Art des öffentlichen Gedenkens nur selten erlebt hat.
„Es gibt nicht viele physische Erinnerungsstücke, die die Menschen zwingen, sich mit schwierigen Teilen der Geschichte auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Die Stolpersteine machen Geschichte greifbar.“
Ein komplexes Erbe erforschen
Das Projekt hat Olivia auf besonders persönliche Weise angesprochen.
Ihre Mutter ist Deutsche und Christin, ihr Vater ist Amerikaner und Jude. Ihre Familie väterlicherseits floh aus Osteuropa, weil sie Juden waren, während ihre Familie mütterlicherseits während der Nazizeit in Deutschland lebte.
„Ich bin mit diesen beiden Geschichten aufgewachsen“, sagt sie. „Dieses Projekt hat mir geholfen, mich mit beiden Seiten meines Erbes zu verbinden.“
Bevor sie nach Freiburg kam, sagte Olivia, dass sie sich oft von ihrer jüdischen Identität abgekoppelt fühlte. Durch das Stolpersteine-Projekt fand sie ein neues Gefühl der Verbundenheit – nicht nur mit der jüdischen Geschichte, sondern auch mit ihrem eigenen Platz darin.
„Es half mir, meine eigene Identität als deutsch-amerikanische Jüdin zu verstehen“, sagt sie. „Ich fühlte mich sowohl mit meinem deutschen als auch mit meinem jüdischen Erbe viel mehr verbunden.“
Begegnungen jenseits der UWC-Blase
Einer der denkwürdigsten Aspekte des Projekts war die Interaktion mit den Freiburger Bürger:innen.
Passanten blieben häufig stehen, um Fragen zu stellen, Familiengeschichten zu erzählen oder sich einfach bei den Schüler:innen für ihre Arbeit zu bedanken.
„Ein Mann hat sogar versucht, uns zu bezahlen“, erinnert sich Olivia lachend. „Es fühlte sich wie ein echter Austausch an. Wir taten etwas für die Gemeinschaft, und die Gemeinschaft gab etwas zurück.“
Dieses Gefühl der Gegenseitigkeit machte den Dienst besonders sinnvoll: „Es war eines der wenigen Male, dass ich das Gefühl hatte, dass das, was wir taten, eine direkte Auswirkung außerhalb der UWC-Blase hatte.“
Die Geschichten weitertragen
Im Laufe des Jahres trug Olivia auch dazu bei, das Projekt in die Schulgemeinschaft einzubringen. Sie leitete einen Workshop während eines Thementags und führte ihre Mitschüler:innen in Archivdokumente und den Prozess der historischen Transkription ein.
Als sie sich anschickt, Freiburg zu verlassen, weiß Olivia, dass ihr das Projekt in Erinnerung bleiben wird: „Ich bin sicher, dass ich mich noch in vielen Jahren an diese Erfahrung erinnern werde“, sagt sie. „Ich würde gerne weiter über das Projekt lernen, auch wenn ich UWC verlasse.“
Für Olivia sind die Stolpersteine mehr als nur Denkmäler. Sie laden dazu ein, innezuhalten, sich zu erinnern und zu fragen, wer hier einst lebte.
Und durch den einfachen Akt des Polierens eines Messingsteins fand sie einen Weg, Geschichte, Gemeinschaft und ihre eigene Identität zu verbinden.

