04.08.2026

Zwischen den Jahrhunderten: Leben in der Kartause

Schüler:innenperspektive: Ein Artikel von Garima Sharma, Nepal (RBC 2025-27)

Schon als Kind fühlte ich mich zu Orten hingezogen, die von Geschichte und Vergangenheit geprägt sind. Wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich immer für verwitterte Mauern und Säulen in warmen Erdtönen – gezeichnet von der Zeit, durchzogen von Ranken und feinen Rissen – statt für sterile, leblose Gebäude. Der Gedanke, dass Häuser, Orte und Gegenstände ihre Nutzer überdauern und ihre Geschichten in Kratzern, Gebrauchsspuren und neuen Funktionen weitertragen, hat mich schon immer auf stille Weise berührt. Vielleicht war es Schicksal – oder vielleicht meine leidenschaftliche fünfminütige Liebeserklärung an genau solche Orte während meines Auswahlgesprächs –, was mich schließlich ans RBC führte: auf einen Campus voller oft übersehener Geschichte.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Spaziergang über den Campus am Morgen nach meiner Ankunft. Alles schien darauf zu warten, entdeckt, berührt und ergründet zu werden. Ich ging unter dem Torbogen des Haupteingangs hindurch. Hoch oben, fast leicht zu übersehen, steht die Figur des heiligen Vitus, die den Eingang seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bewacht. Oft frage ich mich, wie viele Menschen diesen Torbogen wohl schon vor mir durchschritten haben: Mönche, Bauern, Gelehrte, Adlige, Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims – und heute Schülerinnen und Schüler aus über 90 Ländern, deren Wege sich für einen kurzen Moment an diesem Ort kreuzen.

Eine Bibliothek, geprägt von Jahrhunderten

Schließlich führte mich mein Weg in die Bibliothek. Es ist unmöglich, diesen Raum zu betreten, ohne seinen besonderen Zauber wahrzunehmen: das leise Rascheln umgeblätterter Seiten, den feinen, beinahe süßlichen Duft der Bücher. Und dann die Fenster. Farbige Lichtstrahlen fallen durch die Buntglasfenster und verleihen dem Raum etwas zugleich Gegenwärtiges und Zeitloses, als gehörten sie einer längst vergangenen Epoche an. Einige Fragmente der ursprünglichen Fenster der Kartause, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert entstanden – zu einer Zeit, als Künstler wie Hans Baldung Grien in der Region wirkten –, befinden sich heute hinter Museumsglas, etwa im Augustinermuseum. Sie dort zu sehen, losgelöst von ihrem ursprünglichen Ort, ließ ihre Abwesenheit hier umso deutlicher spürbar werden und erinnerte mich an die besondere Würde des Saals, in dem ich heute meine etwas panischen Lernphasen vor Prüfungen verbringe.

Und doch war dieser Raum ursprünglich nie als Bibliothek gedacht. Der heutige Bibliothekssaal diente den Kartäusermönchen einst als Speisesaal und später als Kapelle. Die Mönche selbst kamen jedoch nicht in großen Hallen zusammen, um gemeinsam zu lesen; ihr Leben war von Zurückgezogenheit geprägt. Bücher bewahrten sie in ihren einzelnen Zellen auf, wo sie sie in Stille und Einsamkeit lasen. Dennoch gingen von diesem Ort Impulse aus, die die geistige Welt weit über seine Mauern hinaus prägten. Gregor Reisch verfasste hier zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine der ersten gedruckten Enzyklopädien Europas. Sein Schüler Martin Waldseemüller sollte später als Erster den Kontinent „Amerika“ benennen. Heute, umgeben von IB-Lehrbüchern und Laptops, fällt es schwer, diese Kontinuität nicht zu spüren – dass die Suche nach Wissen diesen Ort über Jahrhunderte hinweg geprägt hat, auch wenn sich nahezu alles andere verändert hat.

Ein Ort im Wandel

Nicht alle, die einst hier lebten, hätten sich vorstellen können – oder gutgeheißen –, was aus der Kartause geworden ist. Heinrich Hansjakob, der als Priester viele Jahre in den Räumen schrieb, die heute als Klassenzimmer dienen, stand der Moderne kritisch gegenüber und lehnte viele der Ideen ab, die einen Ort wie das UWC heute ausmachen. Und doch liegt in diesem Widerspruch etwas beinahe Ironisches. Ein Mann, der dem Wandel skeptisch begegnete, lebte an einem Ort, der sich immer wieder neu erfand: Kloster, Adelssitz, Pflegeheim, Schule. Das lässt die Gegenwart weniger endgültig erscheinen – als stille Erinnerung daran, dass selbst Gebäude, die Jahrhunderte überdauern, sich ständig verändern.

Hinter den Hauptgebäuden liegen die Überreste dessen, was vielleicht mein Lieblingsort auf dem Campus ist. Niedrige, zerfallene Mauern ziehen sich durch die Wiese. Hier befand sich einst das Herz des kartäusischen Lebens: die Mönchszellen, jede für sich eine kleine Welt nahezu vollkommener Stille. Heute grasen dort Schafe, wo sich einst das tägliche Leben der Mönche abspielte. Ein kleines Denkmal erinnert an Vergangenes; Steine tragen Namen und Erinnerungen. Daneben steht ein verwittertes, rostiges Kreuz, das Jahreszeiten und tiefgreifende Veränderungen überdauert hat. Wer sich hier aufhält, kann die Gegenwart für einen Moment hinter sich lassen und Trost in den Spuren des Verfalls finden.

Der Garten als gelebte Geschichte

Vor den Gebäuden erstreckt sich der Garten. Seit der Gründung des Klosters im 14. Jahrhundert wird dieses Stück Land – in unterschiedlichster Form – bewirtschaftet. Was einst den Mönchen als Nutzgarten diente, wurde später zu einer Zieranlage, gehörte anschließend zum Pflegeheim und ist heute wieder ein Schulgarten. Diese Kontinuität ist leise, aber beständig. Wenn ich heute durch den Garten gehe, stelle ich mir oft vor, wie er vor Jahrhunderten ausgesehen haben muss: Mönche, die schweigend die Erde bearbeiten, derselbe Boden, derselbe Rhythmus. Wenn ich an den Gartentagen selbst mit den Händen im Schlamm arbeite, wird mir bewusst, wie viel dieser Ort durch die Fürsorge vieler Generationen hervorgebracht hat.

Leicht gerät in Vergessenheit, dass die Kartause über weite Teile ihrer jüngeren Geschichte nicht als besonders schön oder historisch bedeutsam galt, sondern vor allem als Zufluchtsort für Menschen, die sonst keinen Ort hatten. Jahrzehntelang war sie ein Pflegeheim – geprägt von Alter, Krankheit und gesellschaftlicher Fürsorge. Sie wurde als „Armenhaus“ bezeichnet, weniger durch ihre Geschichte als vielmehr durch ihre Aufgabe definiert. Und doch hat gerade diese Phase etwas Poetisches. Die Gebäude passten sich neuen Bedürfnissen an, überdauerten den Wandel und nahmen neue Bedeutungen auf, ohne die Spuren ihrer Vergangenheit zu verlieren.

Auf den Spuren der Vergangenheit

Manchmal, wenn ich auf den Wegen entlang der Dreisam oder an den alten Ruinen hinter der Schule spazieren gehe, stelle ich mir die Schritte der Menschen vor, die lange vor mir hier unterwegs waren. Kartäusermönche, die schweigend zwischen ihren Zellen umhergingen. Handwerker, die an den Wasserläufen arbeiteten, die es hier seit Jahrhunderten gibt. Vielleicht sogar mittelalterliche Reisende, die nicht ahnen konnten, dass dieser Ort noch viele Jahrhunderte später bestehen würde. Dann empfinde ich etwas von dem, was Felix Mendelssohn 1837 festhielt, als er die Kartause in seinem Skizzenbuch zeichnete: eine stille Bewunderung für die Schönheit ihres Vermächtnisses.

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