22.06.2026

Alumni Spotlight: Kento (Class of 2018)

Als Kento 2014 an einem landesweiten Englisch-Rhetorikwettbewerb in Japan teilnahm, hörte er zufällig ein Gespräch, das sein Leben verändern sollte: Einige Jugendliche verbrachten ihre Schulzeit im Ausland. Für ihn war das eine völlig neue Vorstellung.

An seiner traditionsreichen Jesuitenschule in Hiroshima spielte dieses Thema kaum eine Rolle. Neugierig suchte er im Internet nach „Auslandsaufenthalt während der Schulzeit“ – und stieß auf UWC. Nach einem Informationsabend war er sofort fasziniert von den Geschichten der Schüler:innen. Er bewarb sich, erhielt ein Vollstipendium für das UWC Robert Bosch College und konnte sein Glück kaum fassen. Auch seine Begeisterung für deutsche Autos spielte bei der Wahl des Landes eine kleine Rolle. Als schließlich die Zusage kam, fühlte es sich an, als hätte er im Lotto gewonnen.

Ankommen in einer neuen Welt

Kento erreichte das RBC einen Tag verspätet, nachdem sein Flug von Tokio nach Frankfurt noch während des Boardings gestrichen worden war. Müde und orientierungslos kam er in Freiburg an. Doch schon am nächsten Morgen fühlte er sich willkommen: bei einem Ausflug in die Stadt, durch die Offenheit seiner Mitschüler:innen und nicht zuletzt durch den Schwarzwald, der den Campus umgibt und ihm schnell ein Gefühl von Ruhe vermittelte.

Trotzdem war das erste Jahr schwieriger, als er erwartet hatte. Zum ersten Mal besuchte er Unterricht auf Englisch und hatte anfangs Mühe, dem Stoff zu folgen – besonders in Anthropologie, einem Fach, dessen Namen er bei seiner Anmeldung kaum aussprechen konnte. Viele Wochenenden verbrachte er allein mit Lernen.

Doch neben den akademischen Herausforderungen gab es noch etwas anderes: die Unsicherheit eines Teenagers, der sich fragte, ob er überhaupt interessant genug sei. Er hatte das Gefühl, nur „der nette Japaner mit den coolen Stiften“ zu sein. Die eher zurückhaltende Kultur, mit der er aufgewachsen war, traf auf die Offenheit des RBC – und er fragte sich oft, ob er wirklich dazugehörte.

Mit der Zeit lösten sich diese Zweifel jedoch auf. Der Unterricht fiel ihm zunehmend leichter, und vor allem hörte er auf, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Nicht, weil ihm Leistung unwichtig geworden wäre, sondern weil ihm klar wurde, dass jede und jeder am RBC auf ganz unterschiedliche Weise außergewöhnlich war. Der innere Wettbewerb verlor seinen Sinn.

„Ich konnte einfach ich selbst sein“, sagt er.

Gemeinsame Menschlichkeit entdecken

Zwei Erkenntnisse aus seiner Zeit am RBC begleiten Kento bis heute. Die erste war ein tiefes Verständnis von gemeinsamer Menschlichkeit – nicht nur als abstrakte Idee, sondern als tägliche Erfahrung im Zusammenleben mit Menschen aus aller Welt. Die zweite war die Befreiung, die darin lag, Vergleiche loszulassen.

Beide Einsichten kamen leise, fast unbemerkt. Doch sie prägen sein Leben bis heute.

Nach seinem Abschluss 2018 studierte Kento Public Health und Anthropologie an der Brown University – ausgerechnet das Fach, dessen Namen er bei seiner Ankunft am RBC kaum aussprechen konnte. Es waren die Anthropologie-Kurse bei Natasha und Alex, die sein Interesse an gesundheitlicher Ungleichheit weckten und ihn dazu bewegten, seinen ursprünglichen Plan eines Medizinstudiums in Japan aufzugeben.

Nach einem kombinierten Bachelor- und Masterstudium entdeckte er Achtsamkeit für sich. Zwar spielte sie während seiner Schulzeit am RBC noch keine Rolle, doch später wurde sie zu einem zentralen Bestandteil seiner Sicht auf die Welt.

2021 gründete er gemeinsam mit anderen Mindful Awareness Cultivation (MAC) – eine internationale Non-Profit-Organisation, die in vier Ländern achtsamkeitsbasierte, interkulturelle Dialoge an Schulen fördert. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen in Japan etwas zu ermöglichen, das Kento selbst am RBC erlebt hat: einen Raum, in dem gemeinsame Menschlichkeit spürbar wird, Unterschiede verbinden statt trennen und persönliches Wachstum ohne ständige Vergleiche möglich ist.

Heute promoviert Kento an der Penn State University im Fach Human Development and Family Studies. Dort erforscht er weiterhin, wie Menschen ihr Potenzial entfalten und ein erfülltes Leben führen können.

Ein leiser Wandel mit großer Wirkung

Kentos Geschichte ist keine von einer plötzlichen Veränderung, sondern von einem Wandel, der sich langsam und tief vollzog. Er kam nach Freiburg mit vielen Fragen und Unsicherheiten – und verließ das RBC mit der Erkenntnis, dass ständiger Vergleich nicht weiterführt.

Seitdem schafft er Räume, in denen auch andere diese Erfahrung machen können.

Aus dem Jungen, der einst in Japan nach „Schule im Ausland“ googelte, ist ein Wissenschaftler und Bildungsgestalter geworden, der jungen Menschen neue Perspektiven eröffnet – in Hiroshima und weit darüber hinaus.

Am RBC entdeckte er etwas, das ihn bis heute begleitet: Hinter all unseren Unterschieden verbindet uns eine gemeinsame Menschlichkeit. Und manchmal reicht genau diese Erkenntnis aus, um den eigenen Platz in der Welt zu finden.

Aktuelles