
Zwischen zwei Welten – Farzanas Weg zu neuer Hoffnung
Farzana Motamedi kennt eine schwierige Frage nur zu gut: Woher kommst du?
„Anfangs fiel mir die Antwort schwer“, sagt sie. „Aber am Ende komme ich immer wieder auf Afghanistan zurück.“
Geboren als Tochter afghanischer Eltern im Iran, zog sie im Alter von sieben Jahren nach Kabul. Dort erlebte sie zum ersten Mal, was es bedeutet, sich zugehörig zu fühlen.
„In dem Moment, als ich die Grenze überquerte, dachte ich: Hier bin ich keine Fremde mehr.“
Obwohl sie zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen war und Persisch mit iranischem Akzent sprach, wurde sie in Afghanistan selbstverständlich aufgenommen. Das Land wurde für sie zu einem Zuhause – nicht nur als Ort, sondern als Gefühl.
Dieses Gefühl wurde 2021 tief erschüttert.
Wenn Bildung plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr ist
Der 15. August begann wie ein ganz normaler Schultag. Farzana schrieb eine Informatikprüfung und verabschiedete sich von ihren Mitschüler:innen – in der Annahme, sie am nächsten Morgen wiederzusehen.
Doch noch am selben Nachmittag veränderte sich alles.
Die Schulen wurden geschlossen. Zunächst schien es nur eine vorübergehende Maßnahme zu sein. Als sie wieder öffneten, durften jedoch nur noch Jungen und jüngere Mädchen zurückkehren.
„Für manche Menschen ist Schule Alltag“, sagt sie leise. „Für andere ist sie ein Traum.“
Für Farzana war Bildung immer weit mehr als Unterricht. Sie bedeutete Zukunft, Identität und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten. Als ihr der Zugang dazu genommen wurde, verlor sie einen wichtigen Teil ihrer selbst.
„Ich hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören.“
Und doch erinnert sie sich nicht nur an das, was verloren ging, sondern vor allem an die Stärke der Menschen um sie herum.
Mit großer Bewunderung spricht sie über den Mut und die Entschlossenheit afghanischer Mädchen, trotz aller Einschränkungen weiterzulernen.
„Ich bewundere, wie hoffnungsvoll und mutig sie sind“, sagt sie. „Selbst in den schwierigsten Situationen versuchen sie, auf irgendeine Weise weiterzulernen.“
Ob in Lesezirkeln, Onlinekursen oder kleinen Lerngruppen – jede Möglichkeit wurde genutzt. Diese Beharrlichkeit prägt Farzana bis heute.
Ein Neuanfang in Deutschland
2023 verließ ihre Familie Afghanistan. Nach einer Übergangszeit kamen sie nach Deutschland, wo Farzana erneut ganz von vorne beginnen musste: eine neue Sprache, ein neues Schulsystem, ein neues Leben.
Nach fast drei Jahren ohne regulären Unterricht schien der Rückstand kaum aufzuholen. Lehrkräfte zweifelten zunächst daran, dass sie den Realschulabschluss innerhalb eines Jahres schaffen könnte.
Farzana war anderer Meinung.
„Ich hatte bereits drei Jahre verloren“, sagt sie. „Ich wollte nicht noch ein weiteres verlieren.“
Die ersten Monate waren überwältigend. Sie übersetzte den Unterricht Wort für Wort – zuerst ins Englische, dann ins Persische –, um Schritt halten zu können.
Nach und nach fand sie ihren Rhythmus.
Und schließlich gelang ihr etwas Außergewöhnliches: Sie bestand nicht nur ihren Abschluss, sondern schloss als Jahrgangsbeste ab.
Für viele war das eine beeindruckende Leistung. Für Farzana hatte dieser Erfolg noch eine tiefere Bedeutung.
„Ich habe eine Verantwortung“, erklärt sie. „Es gibt so viele Mädchen, die lernen möchten und es nicht dürfen. Ich habe diese Chance – also muss ich sie nutzen.“
Ein neues Zuhause am RBC
Heute besucht Farzana das erste Jahr am UWC Robert Bosch College.
Vor Kurzem wurde sie zur Student Secretary gewählt und vertritt ihre Mitschüler:innen im Student Council. Erst vor wenigen Monaten sprach sie vor der gesamten Schulgemeinschaft über die Bedeutung von Bildung – und darüber, was es bedeutet, wenn sie einem Menschen genommen wird. Viele Zuhörer:innen waren tief bewegt.
Am RBC hat Farzana etwas wiedergefunden, das sie lange verloren glaubte: das Gefühl, angekommen zu sein.
„Es ist das, was sich seit 2021 am ehesten wieder wie Zuhause anfühlt“, sagt sie.
In einer Gemeinschaft, in der junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen, wird das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, zu einer gemeinsamen Erfahrung – und gerade dadurch entsteht Verbundenheit.
Mit Neugier in die Zukunft
Farzana spricht mehrere Sprachen – Persisch, Englisch, Deutsch und etwas Paschtu – und liebt Poesie, insbesondere die Werke von Hafez und Rumi.
„Poesie kann in einer einzigen Zeile ausdrücken, wofür man sonst einen ganzen Absatz bräuchte“, sagt sie.
Auch ihre Zukunft hält sie bewusst offen. Sie interessiert sich für Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften oder Wirtschaft – immer mit dem Wunsch, etwas für andere zu bewirken und neue Möglichkeiten zu schaffen.
Wenn sie nur 30 Sekunden Zeit hätte, um eine Botschaft an die Welt zu richten, wäre sie überraschend einfach:
„Denk nicht zu lange nach. Wenn du eine Idee hast, mach den ersten Schritt. Selbst ein kleiner Schritt kann etwas Großes in Bewegung setzen.“


